21. April 2022

Die Sonnenstraße – Münchens neuer „Central Park“?

Die Diskussion nimmt an Fahrt auf und was zu Beginn eher belächelt wurde, wird nun immer stärker befürwortet: die Rückkehr der Sonnenstraße im Herzen Münchens zu dem, was sie einmal war. Einer grünen Oase. Lesen Sie den aktuellen Stand zu einem sehr ehrgeizigen Stadtentwicklungsprojekt in München.

Heißt eine Straße Sonnenstraße, stellen sich wohlwollende Assoziationen fast automatisch ein: Große Bäume spenden im Sommer wohltuenden Schatten, auf Bänken lässt sich die Mittagspause angenehm verbringen. Die Sonnenstraße in München lässt all das nicht zu. Sie ist eine Hauptverkehrsachse in München und eine der am meisten befahrenen Straßen Europas – und damit weit davon entfernt, Wohlfühlcharakter auszustrahlen. Geht es nach der Kreisgruppe München des „BUND Naturschutz“ (BN), sieht das bald anders aus. Dessen Visionen machen Lust auf das, was hier der „Central Parc München“ werden könnte.

Genug Platz mit 5,5 Hektar

Die Pläne sind groß: etwa 5,5 Hektar. Sie beziehen sich auf die Achse des westlichen Altstadtrings vom Sendlinger Tor bis zur Briennerstraße, denn könnten die Vorstellungen des BN Realität werden, entstünde dort eine durchgängige Parkanlage. Erste Visualisierungen beruhen auf den Visionen des Hamburger Kommunikationsdesigners, Künstlers und Verkehrswendeaktivisten Jan Kamensky, der vom BN beauftragt wurde, eine bislang autodominierte Gegend zu einem menschenfreundlichen Ort umzugestalten. Ganz theoretisch. Landschaftsplaner gingen danach auf dieser Grundlage an die Arbeit und stellten fest: Genug Platz ist vorhanden, um aus der Sonnenstraße eine grüne Oase zu bilden.

„Sauba sog i“: Picknicken im Park

In der sehr künstlerisch gestalteten Visualisierung von Kamensky steigen Autos in den Himmel, aber Blätter regnen auf den Boden von Hunderten von Bäumen. Fazit also: mehr Grün, weniger Autos. Familien treffen sich zum Picknick auf rot-weiß karierten Decken, chillen auf einer der Bänke unter hohen Bäumen, Hunde rekeln sich entspannt auf dem Rasen, Menschen gehen den Spazierweg entlang oder fahren auf dem Radweg. Ein Umbau also zugunsten der Radfahrer und Fußgänger, der Autoverkehr würde Anteile am Geschehen abgeben. Eine Fahrspur gäbe es für Anlieger und Lieferverkehr, nur noch je eine Autospur pro Fahrtrichtung. Weiterhin gibt es Platz für die Tram.

Visu: FairFleet/Jan Kamensky

Nach Kamenskys Visionen und den Gestaltungsvorschlägen der Landschaftsplaner erstellte die Münchener Firma FairFleet im dritten Schritt weitere Visualisierungen aus der Vogelperspektive. All das passe, so der BN, zu den Zielen, die sich die Stadt München vorgenommen habe. Das Motto: „Sauba, sog i.“  

Hauptverkehrsachse in München

Vier Fahrspuren und zum Teil noch eine weitere Abbiegespur: Die heutige Sonnenstraße ist eine viel befahrene Durchgangsstraße und zieht auch optisch eine Grenze zwischen Innenstadt und Hauptbahnhof. Folglich zu viel Verkehr für ältere Menschen und kleinere Kinder: Das ist einer der Hauptkritikpunkte, wenn es um den Status quo der Straße geht. Undenkbar, sagen die Visionäre vom BN, sich gerade hier in München mit einer Freundin zu einem gemütlichen Plausch am Abend zu treffen. Die Landeshauptstadt bietet mit Abstand schönere Orte für die Freizeitgestaltung.

Hinzu kommen Bedenken zum Klima, die weit in die Zukunft reichen. Der BN sagt: „Die Ziele des Münchener Stadtrats geben eine deutliche Verkehrsreduzierung, stärkeren Klimaschutz und mehr Grün in der Stadt vor. Der Rahmen ist eigentlich gesteckt, jetzt muss er nur noch mit Inhalt gefüllt werden.“ Dabei helfen könnte der Central Parc München. Denn was der bayrischen Landeshauptstadt Sorge bereitet, ist der Blick in die Zukunft zum Thema „Temperatur“. Sie könnte, werden keine Gegenmaßnahmen geschaffen, in den nächsten Jahren auf ungemütliche Werte steigen.

FairFleet/Kaminsky

Besseres Münchener Klima

Bäume würden Abkühlungsmöglichkeiten schaffen, Schatten spenden, CO2 binden und Stickstoff bilden. Sie sorgen gerade auf versiegelten Flächen, und dazu gehört die Sonnenstraße ganz sicher, für wenig Kühle gerade in den warmen Sommermonaten. Klimafunktionskarten für München sprechen da eine deutliche Sprache. Aufgrund der momentanen Entwicklungszahlen könnten nach einer aktuellen Prognose und unter der Voraussetzung eines weltweiten Temperaturanstiegs in der Münchener Innenstadt die Thermometer auf bis zu acht Grad höher klettern als bislang. Das hätte Mittagstemperaturen von um die 45 Grad zur Folge.

Unweit der Sonnenstraße: der Stachus. Bild: Pixabay / Tutorix

„Getreu zur Mittagssonne“

Wie eingangs erklärt: Heißt eine Straße Sonnenstraße, stellen sich wohlwollende Assoziationen ein. Tatsächlich war die Sonnenstraße bis in die 1930er-Jahre hinein eine Oase mit viel Grün. Sie erhielt ihren Namen 1812 und wurde nach dem Konzept der Sonnenbaulehre von Christoph Faust erbaut. Danach sollten die Häuser mit ihrer Fassade nicht unmittelbar an der Straße, sondern „an freundlichen Rasenplätzen, getreu zur Mittagssonne“, stehen. Also richtete sich ihr Verlauf nach dem höchsten Stand der Sonne zur Mittagszeit aus. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Sonnenstraße verbreitert, die Matthäuskirche, am 25. August 1833 eingeweiht, musste deshalb weichen. 1953 bis 1957 entstand die neue Matthäuskirche, Pläne für einen Rückbau zu einer grünen Oase gab es nicht.  

Kontroverse Meinungen

Dass Stadtveränderungen kontrovers diskutiert werden, ist klar. Während SPD und Grüne die Pläne befürworten, gehen die Christdemokraten auf Kontra. Auch die Handwerkskammer kritisiert die Visionen, denn sie befürchtet, dass das „Hackenviertel“ durch den Park vom Verkehr weitgehend abgeschnitten würde. Schon jetzt sei es für die dort ansässigen Handwerksbetriebe schwierig, gut die Innenstadt zu erreichen, um ihre Arbeiten bei den Kunden zu verwirklichen.

Was in Videos und auf Zeichnungen schon jetzt ein Stück Realität vermittelt, kann allerdings noch dauern. Erst einmal muss ein städtebaulicher Wettbewerb her. Sollten die Visionen umgesetzt werden, ist unklar, wie lange die Bauzeit dauert. Jedenfalls müssten Schienen verlegt, Straßen mit ihrem Asphalt aufgebrochen werden. Ziel der Stadt München ist es jedenfalls, bis 2035 klimaneutral zu werden. Indes macht der BN deutlich: Pflanzen wir heute Bäume, entfalten sie ihre positive Wirkung in rund 40 Jahren.

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Text: Andrea Hunkemöller

Titelbild: Bund Naturschutz (BN)