25. März 2021

Interview mit Jan Schellhoff von UNStudio über den Neubau „Van B. Very urban living“ in München: „Ein Revolutionär in puncto Wohnen“

In München entsteht an der Nahtstelle von Schwabing-West, Neuhausen-Nymphenburg und Maxvorstadt der Neubau „Van B. Very urban living“. Den Verkaufsstart für die 142 Eigentumswohnungen hat der Münchner Projektentwickler Bauwerk bereits verkündet.

Auch der Baubeginn für „Van B. Very urban living“ in der Infanteriestraße 14 nahe dem Leonrodplatz ist schon erfolgt – in unmittelbarer Nähe zum neuen Kreativquartier München mit einer Vielfalt aus Wohnen, Wissen, Kreativwirtschaft, Kultur, Start-ups und Tech-Szene. Über die Hochschule für angewandte Medienwissenschaften hinaus wird hier zum Beispiel auch das Gründer- und Innovationszentrum Munich Urban Colab beheimatet sein.

Das urbane Wohnkonzept für das Neubau-Projekt „Van B. Very urban living“ stammt von Ben van Berkels Büro UNStudio in Amsterdam. Im Interview mit neubau kompass München erläutert Jan Schellhoff, Director Senior Architect bei UNStudio in Amsterdam, die Architektur: Während außen kupferfarbenes Metall auf rauen Beton trifft, sorgen innen optionale Plug-ins – das sind flexible und individuelle Modulsysteme – für eine flexible Raumnutzung.

Jan Schellhoff, Director Senior Architect, UNStudio Amsterdam (Bild: Inga Powilleit).

neubau kompass: Herr Schellhoff, lassen Sie uns zum Einstieg in unser Gespräch folgendermaßen beginnen: Sie stammen aus Deutschland und arbeiten als Director Senior Architect bei Ben van Berkels Büro UNStudio in Amsterdam. Wie wohnen aus Ihrer Sichtweise aus dem Nachbarland die Deutschen im Vergleich zu den Niederländern – und gibt es Gemeinsamkeiten?

Jan Schellhoff: Kompakte Wohnungen und Offenheit nach außen sind sehr niederländische Wohnformen. Wenn man durch Amsterdam schlendert, kann man in vielen Wohnungen bis auf den Küchentisch sehen. Und wenn der Wohnraum begrenzt ist, zieht man gerne auch im Frühling und Sommer kurzerhand mit dem Küchentisch auf den Bürgersteig. Inside-Outside-Living nennen wir diese Erweiterung des eigenen Wohnzimmers nach draußen. In Deutschland schätzt man eher die Privatheit. Die Niederländer lieben das gemeinsame Wohnen. Der Trend zu Co-Living und Sharing-Flächen ist allerdings auch in Deutschland aktuell auf dem Vormarsch.

Wohnen mit Offenheit nach außen: li. im Hintergrund der Münchner Olympiaturm (Bild: Bauwerk / bloomimages).

neubau kompass: Ben van Berkel, Sie und Ihr Team von UNStudio haben mit „Van B. Very urban living“ ein neues, urbanes Wohnkonzept für München entwickelt. Der Baubeginn für das Projekt in der Infanteriestraße 14 – im Stadtteildreieck Schwabing-West, Neuhausen-Nymphenburg und Maxvorstadt – ist bereits erfolgt. Wie lässt sich die Architektur des entstehenden Neubaus von außen beschreiben?

Jan Schellhoff: Van B ist progressiv, visionär, revolutionär. Man könnte fast sagen, dass das Gebäude wie eine Skulptur die Blicke auf sich zieht. Besonders markant ist die Gestaltung der Fassade, bei der wir mit der Dualität von Materialien arbeiten: kupferfarbenes Metall trifft hier auf rauen Beton. Wenn man vor Van B steht, scheint die Fassade fast wie in Bewegung versetzt: Asymmetrische Vorsprünge, raumhohe Fensterflächen und Balkone projizieren Plastizität und Lebendigkeit zur Straßenseite. Bay Windows lösen die Abgrenzung zwischen Innen- und Außenräumen auf und schaffen Ausblicke in die grüne Platanenallee – auch das ist ein sehr niederländisches Konzept. Zur begrünten Hofseite hin ist die Gebäudehülle terrassenartig abgestuft.

Die Platanenallee in der Infanteriestraße li. und re. der Neubau „Van B. Very urban living“ (Bild: Bauwerk / bloomimages).

neubau kompass: Eine Besonderheit in dem Neubau-Projekt mit 142 Eigentumswohnungen sind die optionalen Plug-ins: neun flexible und individuelle Modulsysteme für eine flexible Raumnutzung. Können Sie uns bitte beispielhaft erklären, wie das flexible Wohnkonzept funktioniert?

Jan Schellhoff: Van B ist tatsächlich ein Revolutionär in puncto Wohnen. Denn wir haben mit diesem Projekt versucht, urbanen Wohnraum neu zu denken. Und zwar mit flexiblen Raumstrukturen, die sich dem Leben immer wieder anpassen. Warum zum Schlafen, Essen und Arbeiten feste Räume vorschreiben? In Van B definieren die Grundrisse nur die Zimmerwände sowie Bad und Küche. Alles andere ist veränderbar – durch die Plug-ins. Dabei handelt es sich um schieb- und klappbare Raummodule, die ein und denselben Raum unterschiedlich nutzbar machen. Wo nachts das Schlafzimmer ist, kann tagsüber das Homeoffice, nachmittags der Fitness-Space und abends das Heimkino sein. Dadurch wird aus einem Einzimmer- ein Dreizimmer-Apartment. Trendforscher nennen dieses Wohnkonzept Morphitecture. Wir bei UNSudio nennen es: Qualitätsmeter statt Quadratmeter.

Im Bild sind verschiedene Plug-ins (oben) aus der Vogelperspektive zu sehen (Bild: Bauwerk).

neubau kompass: Wie kam die Idee für die Plug-ins zustande und welche Zielgruppe an Bewohnern sprechen Sie damit an?

Jan Schellhoff: Weltweit werden die Metropolen immer vielschichtiger, die urbane Bevölkerung wächst, Platz ist begehrt. Die Menschen kommen aus der ganzen Welt – mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen. Deshalb ist es für uns nur konsequent, dass sich auch das Wohnen in den Städten verändern muss. Bei Van B wollen wir mehr Flexibilität und Individualität schaffen und zugleich eine Antwort auf die Platzproblematik in München finden. Herausgekommen ist eine innovative Mischung aus multifunktionaler und anpassungsfähiger Raumnutzung – wie bei einem Schweizer Taschenmesser. Gerade in den jetzigen Zeiten der Pandemie, in der Wohnungen kombinierte Funktionen als Wohn- und Schlafzimmer, Büro und Fitnessstudio, übernehmen müssen, ist das Konzept besonders aktuell – und das nicht nur für die progressive Generation Z.

Auch ein Plug-in „Table“ (Tisch re.) ist realisierbar (Bild: Bauwerk / bloomimages).

neubau kompass: Waren Sie bei der Konzeptentwicklung der Plug-ins beteiligt und was sind beziehungsweise waren Ihre Tätigkeitsschwerpunkte beim Projekt „Van B. Very urban living“?

Jan Schellhoff: Die Stärke der Entwicklung kam definitiv aus den drei Partnern, die sehr produktiv, kreativ und zukunftsgerichtet zusammengearbeitet haben. Gemeinsam mit dem Projektentwickler Bauwerk haben wir die Zielgruppe und die Nutzungen ganz detailliert analysiert und aktuelle Trendbeobachtungen einfließen lassen. Mit West Interior, die aus der Vitra-Gruppe hervorgegangen sind, haben wir Design-Szenarien und die Produktinnovation der Plug-ins entworfen und bis ins kleinste Detail geplant. Spannend war vor allem die Übersetzung der Prinzipien des Gebäudes in die Prototypen und die immer weitere Verfeinerung der Funktionalität und des Designs.

Das Plug-in „Bed“, li. heruntergeklappt, re. mit hochgeklapptem Bett (Bild: Bauwerk).

neubau kompass: Mit „Van B. Very urban living“ wollen Sie ein Zuhause für Veränderungen schaffen. Wie sieht die Zukunft des Wohnens aus, welche Entwicklungen sehen Sie?

Jan Schellhoff: Es wird vor allem diverser. Es ist das erste Mal, dass wir diese Art von flexiblem Wohnen designen: ein Gebäude, das kompakten und flexiblen Wohnraum bietet, basierend auf der Kubatur der gründerzeitlichen Stadt. Gleichzeitig denkt es die Idee von Gemeinschaft mit. Ich glaube, dass diese Art zu leben die Zukunft ist. Das Konzept von Van B ließe sich beispielsweise auch in ein Hochhausmodell übertragen und würde dabei weitaus ansprechendere und komfortablere Verdichtungsoptionen bieten als dies herkömmliche Modelle tun.

Der Neubau „Van B. Very urban living“ mit 142 Eigentumswohnungen aus der Hofperspektive (Bild: Bauwerk / bloomimages).

neubau kompass: Gestatten Sie uns abschließend eine persönliche Frage: Hat Ihre Arbeit als Senior Architect bei UNStudio in Amsterdam Einfluss darauf, wie Sie privat wohnen und was macht für Sie ein angenehmes Wohnumfeld aus?

Jan Schellhoff: In unserem Zuhause in Amsterdam haben wir auch mit Kompaktheit und flexiblen Räumen experimentiert. Seit kurzem wohnen wir am Meer, wo die Verbindung von innen und außen Teil der Wohnqualität ist. Wir haben damit die Idee des Wohnens im Ferienhaus für uns verwirklicht.

neubau kompass: Herr Schellhoff, vielen Dank für das Interview.

Titelbild: Bauwerk / bloomimages